Über makellose Kollektionen zu schreiben ist eine Herausforderung, insbesondere wenn der gesamte Prozess dahinter so nahtlos verläuft, dass er unsichtbar wird. Gelegentlich fällt während einer Show auf, dass ein Designer hier etwas übersehen oder dort etwas nicht ganz fertiggestellt hat, was zu einem Ergebnis führt, das nicht ganz dem Wunsch entspricht. Bei Véronique Nichanian ist das nie der Fall. Ihre Kollektionen wirken stets absolut vollendet, als wären sie mit all ihren Details, Farben und Formen vollständig in ihrem Kopf entstanden – inklusive der präzisen Taschen, Schuhe und des Schmucks. Ihre Vision ist außergewöhnlich stark und vollständig, und die Kohärenz ihrer Kollektionen ist stets beeindruckend. Auch wenn manche Kollektionen ansprechender sind als andere, bleiben ihre Vollständigkeit und Integrität stets erhalten. Dies entspricht perfekt dem wichtigsten ästhetischen Prinzip von Hermès: mühelosem Understatement.
Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass einem die aktuelle Kollektion nicht gefällt, die zweifellos zu Frau Nichanians besten der letzten Saisons zählt. Sie wirkt so selbstverständlich, als sei all diese Perfektion spontan entstanden und ohne jegliche Anstrengung entstanden. Selbst die Weste in schokoladenbraunem Alligatorleder, getragen über einem ärmellosen Oberteil, und eine kreidefarbene Jacke aus demselben Material, getragen über einem in die Hose gesteckten Pyjamaoberteil, strahlen einen natürlichen Chic ohne unnötige Verzierungen aus – etwas, das nur Hermès erreichen kann.
Alle Volumen und Proportionen sind perfekt ausbalanciert: Die Hose sitzt locker, aber nicht zu weit, mit doppelten Gürtelschlaufen zur Anpassung der Passform. So wirkt die Hose entweder hoch tailliert und tailliert oder locker und entspannt. Unkonventionelle Kombinationen, wie die Kombination einer Krokodiljacke mit einem Pyjama-Oberteil und Ledersandalen mit geflochtener Sohle, werden ohne besondere Betonung präsentiert. Es ist, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, eine Krokodiljacke über dem Pyjama zu tragen, Strandsandalen anzuziehen und so gekleidet auszugehen.
Wie immer klingen die Namen der Hermès-Farben wie ein Gedicht: Kitt, Kraft, Kaffee, Karamell, Ficelle, verstärkt durch ein tiefes Burgunderrot, ein intensives Vanillerot und einen Hauch von Mintgrün. Sie verschmelzen auf ganz natürliche Weise miteinander, als hätten wir schon immer eine eierschalenfarbene Jacke mit einem pfirsichfarbenen Bandana und einer kaffeebraunen Hose getragen.
Natürlich resultieren diese außergewöhnliche Schlichtheit und Leichtigkeit aus außergewöhnlich komplexer und sorgfältiger Arbeit, sowohl künstlerisch als auch handwerklich. Viele der Stücke sind nicht das, was sie zu sein scheinen. Sie sehen ein Netzoberteil und eine Netzhose und denken daran, wie leicht und flexibel die Strickwaren sind und dennoch ihre Form behalten. In Wirklichkeit handelt es sich um ein durchbrochenes Ledergewebe, und die Hose ist aus demselben Ledernetz gefertigt, buchstäblich gewebt. Dasselbe Ledergewebe wird für das grau-weiß gestreifte Hemd mit kurzen Ärmeln verwendet. Bandanas mit Fransenkanten – in Smaragdgrün, Pfirsich, Beige und Burgunderrot, die viele Looks begleiteten und sofort ins Auge fielen – entpuppten sich als aus Wildleder, nicht aus Seide. Dies fällt erst bei näherer Betrachtung auf, zusammen mit einem zarten Muster, das sie ziert. Es gibt auch ähnliche Seidenstücke, in Schattierungen des grauen Pariser Himmels oder des nassen Pariser Bürgersteigs, die eine stimmige Einheit mit kurz- oder langärmeligen Oberteilen aus dichter, weicher Seide bilden, die perfekt fällt.
Und natürlich durften die neuen Taschen, die auf dieser Messe präsentiert wurden, nicht fehlen. Sie waren alle groß und boten viele Reisemöglichkeiten – diese Auswahl verlieh ihnen einen leichten Vintage-Look, der ihnen Chic verlieh. So zeigten beispielsweise die Kleidertasche Long Courrier aus H-Canvas und Barénia-Kalbsleder oder die Tasche Haut à Courroies aus Plume-H-Canvas und Barénia- oder Togo-Kalbsleder einen Aufdruck von Pferd und Reiter im Galopp, der zu verschwimmen und zu verschwinden scheint.
In der Welt von Hermès gibt es viele Illusionen, meisterhaft erfunden und umgesetzt, doch eines ist absolut nicht illusionär: die ewige Eleganz aller Hermès-Artikel und die außergewöhnliche Qualität ihrer Materialien. Alles andere ist nie in Stein gemeißelt, bleibt in ständiger Bewegung, kann sich verändern und schenkt seinem Besitzer stets Freiheit.
Mit freundlicher Genehmigung von Hermès
Text: Elena Stafyeva