Die diesjährigen Filmfestspiele von Cannes versuchten, Brücken in unserer chaotischen Welt der Kriege und Katastrophen zu bauen – allerdings auf Mikroebene. Inspiriert von großen literarischen Traditionen wandten sich viele Filme nach innen, auf familiäre Bindungen und persönliche Verstrickungen. Familie in all ihrer Komplexität erwies sich als eines der zentralen Themen. Mehrere Filme untersuchten die vielschichtigen, oft angespannten Dynamiken innerhalb der kleinsten Einheit der Gesellschaft – der Familie –, die sich als ebenso voller Widersprüche, Kämpfe und Leid erwies wie die Welt im Allgemeinen. Das Spielen von Familie wird in diesem Kontext zu einer Probe für die Organisation des größeren Universums.
Dementsprechend vielfältig waren die Genres – vom Konzeptkino bis zur Komödie, von der Farce bis zum Sozialdrama, von der epischen Fantasy bis zum romantischen Essay.
Das Motto dieses intimen Strangs könnte Joachim Triers „Sentimental Value“ sein, der den Grand Prix gewann – den zweitwichtigsten Preis des Festivals. Das Wort „sentimental“ beschreibt den Geist von Cannes in diesem Jahr treffend. Trier, ein entfernter Verwandter und Namensvetter von Lars von Trier, präsentierte eine witzige, cinephile Tragikomödie voller tschechowscher, ibsenscher und unverkennbar bergmanscher Motive. Im Mittelpunkt: neue Szenen einer Ehe mit herausragenden Darbietungen von Stellan Skarsgård, Renate Reinsve und Elle Fanning. Die Geschichte spielt in einem Familienanwesen in Oslo, das seit Jahrzehnten einem Clan gehört.
Eine ähnliche, mehrere Generationen umfassende Saga taucht im Wettbewerbsfilm „The Sound of Falling“ der deutschen Regisseurin Mascha Schilinski auf. Er erzählt traumatische Familiengeschichten aus vier Schlüsselperioden des 20. Jahrhunderts – mit all seinen Kriegen und Umbrüchen – und spielt in einem Haus in der Nähe der Elbe.
In Triers Film versucht der Protagonist – ein einst berühmter Filmemacher –, wieder Kontakt zu seinen beiden entfremdeten Töchtern aufzunehmen. Beide leiden unter seelischen Narben und neigen zu Panikattacken. Seine Strategie: Er besetzt die ältere Tochter als ihre verstorbene Mutter in seinem neuen Film, in der Hoffnung, dass die Rolle sie einander näherbringt. Doch die Tochter, die mit der Schauspielerei und dem öffentlichen Auftritt zu kämpfen hat, empfindet diese Aufgabe als überfordernd – was nicht zur Versöhnung, sondern zu weiterer Entfremdung führt. In diese ohnehin schon brisante Situation gerät eine Außenseiterin: eine amerikanische Schauspielerin, gespielt von Elle Fanning, die Hollywoods Direktheit unterstreichen und die poetische Sensibilität des europäischen Kinos unterstreichen soll. Ihre Anwesenheit vertieft die Entfremdung der Familie nur noch.
Trier zeichnet das Porträt eines erfolgreichen Künstlers, der als Vater versagt hat – eine Geschichte, die viele kennen, aber nur wenige so gekonnt dramatisieren können. Obwohl nicht autobiografisch, spiegelt der Film Triers eigene Reflexionen über das Vatersein wider: Seit seinem letzten Film ist er Vater von zwei Kindern. In einem Interview mit Vanity Fair erklärte er:
Es ist fast die Geschichte einer unerfüllten Liebe zwischen Vater und Tochter – einer Verbindung, die nie ganz entsteht. Und doch sind sie sich so ähnlich. Und nur im Rahmen der Kunst können sie sich wiedersehen.
Das Zuhause dieser Geschichte ist voller ungelöster Spannungen – selbst frisch errichtete Studiowände können sie nicht eindämmen. Doch scharfe Dialoge und eine unerträgliche Leichtigkeit machen diesen norwegischen Film optimistischer als viele seiner Kollegen und absolut lobenswert.
Ein ähnlicher Versuch einer Familie spielt sich in „The Phoenician Scheme“ ab, dem neuesten Film von Wes Anderson – einem Meister der filmischen Ornamentik. Mit einer Starbesetzung (Benicio del Toro, Tom Hanks, Benedict Cumberbatch, Scarlett Johansson und Bill Murray) folgt der Film dem mächtigen Mogul Zsa-Zsa Korda, der in eine Welle von Attentaten gerät und beschließt, sein Imperium seiner Tochter zu übergeben. Trotz Andersons typischer Launenhaftigkeit und aufwendiger Szenen ist es der sentimentale Kern – die unbeholfenen Versuche einer Vater-Tochter-Beziehung –, der dem Film seine Resonanz verleiht.
Die Tochter, seit Jahren entfremdet und nun Nonne, bereitet sich darauf vor, die säkulare Welt endgültig zu verlassen. Anstatt das Imperium zu übernehmen, ist sie besessen davon, die Wahrheit hinter dem Tod ihrer Mutter aufzudecken – und verdächtigt ihren Vater. Die Spannung steigt mit jeder Szene. Die Tochter wird von der begabten Mia Threapleton gespielt, der echten Tochter von Kate Winslet. Auf dem roten Teppich in Cannes würdigte Mia das Vermächtnis ihrer Mutter mit einem smaragdgrünen Oscar de la Renta-Kleid, das an Winslets legendären Oscar-Look von Givenchy aus der Titanic-Ära von 1998 erinnert.
Ein düstererer Ton durchdringt „Alpha“, den neuen Film von Julia Ducournau (Gewinnerin der Goldenen Palme für „Titane“). Der Film spielt in den 1980er-Jahren und schildert die Beziehung zwischen einem Arzt und einem 13-jährigen Mädchen namens Alpha inmitten einer mysteriösen Epidemie, die Menschen bei lebendigem Leib in marmorartige Statuen verwandelt. Anklänge an die Aids-Krise und COVID sind unverkennbar. Tahar Rahim spielt den kranken Bruder des Arztes, der sich durch Drogenkonsum infiziert hat. Als Alpha sich spontan ein Tattoo stechen lässt, wird auch sie ausgegrenzt. Die Botschaft des Films ist klar: Nur die Menschen, die uns am nächsten stehen, können uns wirklich Hoffnung geben – und nur innerhalb der Familie kann Heilung beginnen.
Unterstützung und Verbundenheit sind auch die zentralen Themen in „Junge Mütter“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne, der mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Der Film verwebt die Geschichten von Teenagerinnen an der Schwelle zur Mutterschaft, von denen keine wirklich bereit ist – weder emotional noch sozial noch anderweitig. Eine hofft, ihr Kind bei einer wohlhabenden Familie unterzubringen; eine andere versucht zu verstehen, warum ihre eigene Mutter sie verlassen hat; eine dritte beschließt, das Kind selbst großzuziehen. Trotz ihrer Schwierigkeiten vermitteln die Dardenne-Brüder eine hoffnungsvolle Botschaft: Die Unterstützung einer Großmutter, einer Sozialarbeiterin oder einer Freundin kann den entscheidenden Unterschied machen. Mitgefühl ist der Keim jeder zukünftigen Familie.
Auch die britische Regisseurin Lynne Ramsay beschäftigt sich in „Die, My Love“ mit dem Thema Mutterschaft – einer eindringlichen Darstellung postnataler Depression. Jennifer Lawrence spielt eine junge Frau, die nach der Heirat mit einem Mann (Robert Pattinson), der kindlich distanziert bleibt, in eine Krise gerät. Ihre Rebellion – manisch, destruktiv – ist ein Schrei nach Freiheit innerhalb der Zwänge des häuslichen Lebens. Ramsay präsentiert sie als notwendigen Akt der Selbstbehauptung.
Doch Familie ist nicht immer nur Konflikt und Trauma. „Love That Remains“, ein einfühlsamer isländischer Film von Hlynur Pálmason, findet selbst nach einer Scheidung Wärme. Der Film spielt auf einer windgepeitschten, einsamen Insel und zeigt, wie gemeinsame Erinnerungen und die Zeit der Jahreszeiten die Liebe bewahren können, lange nachdem eine Familie formal auseinandergebrochen ist.
Eine radikalere Herangehensweise findet sich in „The Chronology of Water“, Kristen Stewarts Regiedebüt „Un Certain Regard“. Der Film basiert auf Lidia Yuknavitchs Memoiren und ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem sexuellen Trauma, das ihr ein autoritärer Vater zugefügt hat. Imogen Poots liefert eine eindringliche Darstellung einer gescheiterten Schwimmerin, die durch Sucht, toxische Beziehungen, Fehlgeburten und schließlich durch die Literatur zu Selbstfindung gerät. Stewart entwirft eine kraftvolle, erlösende Erzählung und argumentiert, dass Heilung mit den richtigen Mitteln und der richtigen Unterstützung möglich ist.
Familie definiert sich nicht immer über Blutsverwandtschaft oder Liebe – manchmal ist sie bewusst gewählt und basiert auf gemeinsamen Werten und Kameradschaft. Letztendlich geht es um Freundschaft. Das ist die Botschaft von „Eleanor the Great“, Scarlett Johanssons einfühlsamem Regiedebüt „Un Certain Regard“. June Squibb glänzt als 94-jährige Eleanor Morgenstein, die nach dem Tod ihres langjährigen Lebensgefährten beginnt, deren Lebensgeschichte als ihre eigene zu verstehen. Es ist eine ergreifende Geschichte von Liebe und Überleben, die in tiefer Freundschaft verwurzelt ist – einer der wenigen Filme in Cannes, in dem dieses Jahr eine Holocaust-Überlebende mitspielt.
Und schließlich brachte Richard Linklater eine der stilvollsten und liebevollsten Hommagen an das Kino nach Cannes: „Nouvelle Vague“, ein Film über die Entstehung von „À bout de souffle“, Godards legendärem Meisterwerk mit Belmondo und Seberg in den Hauptrollen. Der passende Titel des Films ist den Ikonen der französischen Nouvelle Vague gewidmet – Truffaut, Chabrol, Rohmer, Rivette und vor allem Godard und seinem Kameramann Raoul Coutard. Im Mittelpunkt dieses leichten und verspielten Films steht die Kameradschaft dieser jungen Künstler. Der Film saugt jeden Satz Godards am Set auf, jeden Witz Belmondos, jede ironische Bemerkung Sebergs, jeden Ratschlag von Roberto Rossellini, Robert Bresson oder Jean-Pierre Melville, jede kreative Entscheidung der Crew. Solch tiefes gegenseitiges Verständnis ist nur in einer glücklichen Familie möglich. Bei diesen legendären Dreharbeiten schufen sie nicht nur eine neue Filmsprache, sondern auch eine Familie, verbunden durch Leidenschaft, Zielstrebigkeit und eine Vision von der Zukunft.
Mit freundlicher Genehmigung: Cannes Film Festival
Text: Denis Kataev