Für seine Couture-Kollektion Herbst/Winter 2025–2026 blickt Daniel Roseberry in die Zukunft und würdigt zugleich die Vergangenheit – er erkundet einen Moment, als Mode, Kunst und Geschichte am Rande des Abgrunds standen. Das Ergebnis? Eine Vision von Couture, die gleichzeitig zurückblickt – und unheimlich nach vorn. Hier erfahren Sie alles, was Sie wissen müssen.
Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Daniel Roseberry ist in dieser Saison in philosophischer Stimmung. Er gab sich nicht damit zufrieden, eine Kollektion nur der Schönheit wegen zu entwerfen; er wollte Fragen stellen – und Antworten bieten. In seinen Shownotes bezog er sich auf zwei der prägendsten Modeschöpferinnen des frühen 20. Jahrhunderts: Gabrielle Chanel und Elsa Schiaparelli. Gabrielle, die Frauen mit ihrem radikalen Einsatz von Jersey vom Korsett befreite. Und Elsa, die Mode mit Bedeutung – und oft auch mit Schabernack – erfüllte. Das war der Kern von Roseberrys Botschaft: Es sind nicht nur Kleider; sie tragen eine Bedeutung.
Anhand von Elsas Vermächtnis untersuchte Roseberry, wie die Vergangenheit die Zukunft erhellen – und vielleicht sogar prägen – kann. „Rückblickend erwiesen sich die Jahre vor Elsas vorübergehender Flucht aus Paris als Jahre höchster Eleganz und zugleich als Beginn der modernen Kriegsära“, schreibt er und erinnert sich an Schiaparellis Flucht nach New York Anfang der 1940er Jahre. „Zwei Pole, die unwahrscheinlicherweise gleichzeitig in derselben Stadt existierten. Diese Kollektion ist dieser Zeit gewidmet, als Leben und Kunst am Abgrund standen: dem Untergang der Eleganz und dem Ende der Welt, wie wir sie kannten.“
In Schwarz und Weiß
„Die Kollektion ist ganz in Schwarz-Weiß gehalten und soll die Frage aufwerfen, ob wir die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft verwischen können: Wenn ich diesen Stücken Farbe oder jeglichen Hauch von Modernität nehme und mich obsessiv auf die Vergangenheit konzentriere, könnte ich dann tatsächlich eine Kollektion entwerfen, die aussieht, als sei sie in der Zukunft geboren?“, fährt Roseberry fort. Der Eröffnungslook gab den Ton an: eine elegant geschnittene schwarze Jacke, bestickt mit einem silbernen Palmenmotiv aus den Archiven des Hauses, kombiniert mit einem dazu passenden Bleistiftrock. Schiaparelli selbst trug ähnliche Silhouetten – verewigt in ihrem ikonischen Porträt von Horst P. Horst aus den 1930er-Jahren, dessen Bilder, gemeinsam mit denen von Man Ray, die visuelle Stimmung der Kollektion prägten. Daher auch die metallischen, grau getönten Oberflächen durchgängig. Anzüge waren ein Eckpfeiler – von einem schwarz-weißen Tweed-Hosenanzug mit sattelförmigen Schultern bis hin zu einer Reihe eindrucksvoller Matador-Jacken in Schwarz und Cremeweiß. Monochrome dominierte, mit Ausnahme von drei Looks in ausdrucksstarkem Rot. Ein Highlight: ein Kleid, das fast verkehrt herum getragen wurde und auf dem Rücken ein schlagendes Herz enthüllte – ein Symbol des Lebens, das unaufhaltsam weiterpulsiert. „Ich stelle mir eine Welt ohne Bildschirme, ohne KI, ohne Technologie vor – eine alte Welt, ja, aber auch eine post-futuristische“, schrieb Roseberry. „Vielleicht sind sie ein und dasselbe. Ging es in der letzten Saison darum, etwas Barockes modern aussehen zu lassen, geht es in dieser Saison darum, Archive umzukehren und sie futuristisch aussehen zu lassen.“
Der Trompe-l'œil-Effekt
Die gesamte Show entfaltete sich wie ein surrealistisches Trompe-l'œil – vom Make-up bis zu den Textilien. Donegal-Wolle, hochglänzender Satin und übertriebene Silhouetten täuschten das Auge. Es gab Smokings mit knielangen Röcken, deren Jacken mit Silberfäden und schillernden Stickereien glänzten. Die Elsa-Jacke mit ihren scharfen Schultern und archivarischen Anspielungen feierte Premiere und wurde sowohl in maßgeschneiderten Schnitten als auch in Wollvarianten angeboten. Schräg geschnittene Kleider präsentierten eine neue Vision von Abendgarderobe – sinnlich, skulptural und frei von Korsett und Zwang.
Und dann waren da natürlich noch die Fantasiestücke. Schiaparellis ikonischer „Apollo“-Umhang wurde als explosiver Sprühregen aus Diamantschmuck neu interpretiert, überzogen mit Sternenexplosionen in Schwarz, Rotguss und Satinsilber. Ein Tüllkleid „Squiggles and Wiggles“ – geschmückt mit muschelartigen 3D-Stickereien – schwebte mit einem Sonnenschirm in der Hand in einer Wolke aus weißem Seidenorganza. Barockperlen, metallische Leopardenflecken und schwarze Jett-Perlen verzierten Mäntel im Matador-Stil im unverwechselbaren Stil des Hauses.
Und zum Abschluss? Ein atemberaubendes „Eyes Wide Open“-Stickkleid: eine handgemalte Iris, eingefasst in Harzcabochons, umrahmt von Wimpern aus Metallfaden und vollendet mit einem geschwungenen Wasserfall aus Seidentüll auf dem Rücken – eindringlich, poetisch, unvergesslich.
Mit freundlicher Genehmigung von Schiaparelli
Text: Lidia Ageeva